Es gibt immer einen Weg
Was sicher als erstes Positives auffällt, ich kann einen Nachtrag schreiben, als lebe ich auch noch. Was hatte also das Leben an Unvorhergesehenen bereit.
Nun im Oktober 2020 gab es das Schreiben vom Amt für Versorgung und Soziales. Prüfung des Anspruchs auf einen Schwerbeschädigtenausweis. Kein Thema, mit einer CLL, ein MDS und der cGvHD sollte ich wohl weiterhin Anspruch haben. Unterlagen können ja beim nächsten Termin fertig gemacht werden. Nächster planmäßiger Termin in der Onko Ambulanz war Anfang November 2020. Der Termin kam und es gab die normalen Untersuchungen. Nur beim Blut war es ein wenig mehr. Beim Arztgespräch der Hinweis das der Anteil von Spenderzellen nicht mehr bei 100% liegt und deshalb hier nochmals kontrolliert wird. Blutwerte waren auch schlechter als im August 2020. Somit, was ist da los, jetzt wird scharf kontrolliert.
Mitte November, wenige Tage nach dem Routinetermin der Anruf von meiner Ärztin. Termin Knochenmarkpunktion (KMP) in 2 Tagen, der Anteil Spenderzellen ist schlechter geworden. Was ist hier los? Hat der Krebs eine dritte Runde eröffnet? Wie können wir Ihn besiegen? KMP geschafft und 2 Wochen später neuen Termin mit Frau. Der Krebs ist zurück und jetzt auch noch als AML. Wieder einmal haben die Versagt die für Informationen zuständig sind. Es gibt Zweitkrebs aber keiner sagt etwas vom Drittkrebs. Somit beginnen wir den Kampf gegen das MDS und auch noch gegen die AML. Nebenbei haben wir den Antrag für den Ausweis fertig gemacht. Jetzt hat das Amt wieder eine einfache Aufgabe. AML in Behandlung, da ist rechnen überflüssig für den GdB.
Der Kampf begann auch gleich mit zwei kurzen Krankenhausaufenthalten, der zweite davon sogar über den Jahreswechsel. Mal wieder einer der still und in aller Ruhe erfolgte. Nebenbei, die anderen durften ja auch nicht Feiern, Corona hat die Welt in Griff. Corona war aber für mich nur eine unangenehme Nebensache. Dank Corona und der Menschen die sich als Querdenker bezeichnen war es kaum möglich im Krankenhaus Besuch zu bekommen. Ja Covid-19 und Krebsstadion vertragen sich nicht.
Januar 2021 die erste Chemo, 7 Tage Vidaza und gleichzeitig 4 Wochen Tabletten. Danach Fieber, Notaufnahme und Sepsis. Zwei Wochen Uniklinik und davon die Erste so gut wie ohne Bewusstsein. Danach noch 2 Wochen Ruhe und wieder auf zur reduzierten Chemo damit diese nicht so aggressiv ist. Auch hier nach 4 Wochen, Fieber, Notaufnahme und Sepsis. Drei Wochen Uniklinik und weil es ja sonst langweilig wär, fast zwei Wochen im Fieber mit reduzierten Bewusstsein. Somit neuer Versuch, jetzt die Chemo auf 5 Tage reduziert. Aber auch hier, die Chemo und mein Körper waren sehr verschiedener Meinung.
Am 29.04. Kontrolltermin, ein Abszess am Allerwertesten. 30.04. Termin bei den Chirogen und noch für den 30.04. OP Termin bekommen.
Am 01.05. gegen 01.00 Uhr war dann die OP und um 04.00 Uhr war ich auf meinen Zimmer. Geplanter Aufenthalt so ca. 3 Tage. Es wurde nichts mit 3 Tagen. Wie war es doch bei den ersten beiden Runden, Fieber, dieses Mal keine Notaufnahme aber Sepsis. Dieses Mal auch mit Aufenthalt auf der Intensivstation. Ab dem Zeitpunk der Aufnahme auf der Intensivstation sind meine Erinnerungen nur noch extrem Lückenhaft. Ich würde sagen es war wohl so wie ein Koma. Es fehlen mir fast drei Wochen an die ich mich so gut wie überhaupt nicht erinnere. Das Bewusstsein stellte sich Mitte Mai wieder ein.
In den ersten Arztgesprächen stand die Frage im Raum, neuer Versuch mit Chemo oder den Kampf gegen den Krebs beenden. Was spricht für eine weitere Chemo? Die Tatsache das die Chemo nicht mehr leichter geht? Die Tatsache das ich nach jeder Chemo eine Sepsis entwickelte? Die Tatsache das die nächste Sepsis die letzte sein kann? Alles keine Argumente um den Kampf weiter zu führen. Deshalb meine Entscheidung keine Chemo mehr zu machen und den Kampf gegen den Krebs zu beenden.
Ab sofort ist das Ziel möglichst lange ein lebenswertes Leben zu führen und möglichst wenig Schmerzen zu haben. Am 25.05. wurde ich aus der Uniklinik entlassen. Der Abschied fiel keinen leicht. Wusste doch das Personal das ich nach Hause gehe um zu sterben. Aber ich werde den Ärztinnen, Ärzten, Schwestern und Pflegern als ein Kämpfer in Erinnerung bleiben. Ein Kämpfer der sich immer wieder aus einer verzweifelten Lage heraus gekämpft hat mit einer großen Portion Galgenhumor. Am 28.05. gab es noch einen Aufenthalt im Krankenhaus Merseburg. Ein letztes Mal Blut auffüllen. Hierbei wurde festgestellt ich habe noch einen Abszess. Eine OP habe ich abgelehnt weil ich nicht noch eine Sepsis haben wollte. Hier habe ich die reine Schmerztherapie gewählt.
Heute am 21.06.2021, ich lebe noch und der Abszess ist nach außen auf gegangen. Ich bekomme Schmerzmittel und es geht mir soweit gut. Im Nachgang kann ich sagen, ich habe einige Jahre lebenswerter Zeit gewonnen. Wie viel Zeit mir noch bleibt, darauf hat keiner eine Antwort. Aber ich bin meinen Weg gegangen, habe nie den Krebs die Oberhand gewinnen lassen. Jetzt ist es soweit zufrieden los zu lassen. Wir werden sehen wie viel Zeit mir noch bleibt. Nutzt meine Erfahrung wenn auch Ihr gegen den Krebs kämpft. Gebt nicht zu schnell auf, aber findet auch den Punkt und die Ruhe und Gelassenheit wenn es soweit sein sollte den Kampf ehrenhaft zu beenden. Lebenswerte Zeit ist wichtiger als die Zeit des Gesamtüberlebens.
Ergänzung am 04.07.2021
Unser Ingolf ist am 29.06.2021 friedlich im Kreise seiner Familie eingeschlafen.









